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Teekultur in Taiwan!

Tee fand seinen Weg nach Taiwan, als die 60-jährige Regentschaft des Qing Kaisers Qian Long, die 1735 begann, sich ihrem Ende neigte. Zu jener Zeit begaben sich viele Chinesen aus Minnan, dem Süden der Provinz Fujian, Chaozhou und Shantou, beides Orte der Provinz Guangdong, trotz eines öffentlichen Verbots der Qing-Regierung, nach Taiwan. Mit sich nahmen sie sowohl Teebüsche, als auch einige ihrer Traditionen und Bräuche. Da viele dieser Einwanderer vom Festland keinen festen Wohnsitz in Taiwan hatten und eher ein Vagabundenhaftes dasein fristeten, wurden viele dieser Traditionen über die Jahre vereinfacht. Darauf zurück geht auch der bis heute in Taiwan beliebte “Old man’s style” oder “Grandpa Style” des Teetrinkens. Dabei werden Teeblätter einfach in ein Glas gegeben, das anschließend mit Wasser aufgegossen wird. Für kultiviertere Utensilien und Prozeduren fehlten schlicht Geld, Zeit und Platz. Am Ende der Qing fingen britische Händler an, Wulong (Oolong) Tee zu kultivieren und zu exportieren. Doch es sollte noch bis zur Besetzung durch die Japaner (1895 – 1945) dauern. Die Japaner fingen an, taiwanesischen Tee gemäß ihrer eigenen Traditionen zu konsumieren. Nach 1949 wurde Tee dann ausschließlich zum Exportprodukt. 1973 erreichte dieser Export seinen Zenit. In den folgenden 10 Jahren wurde dieser Exportüberschuss langsam aber sicher zu einem innländischen Konsum umgewandelt. Dies geschah vor allem aus zwei Gründen. Erstens wurde Tee teurer, da immer mehr Menschen in industrielle Jobs abwanderten und ihre Teeplantagen vernachlässigten. Daher nahm der Export automatisch ab, weil das Ausland nicht mehr gewillt war, die stetig steigenden Preise zu akzeptieren. Zweitens entwickelten Taiwanesen ein neues Intresse für Tee. Tee-Experten begründen dies mit dem wachsenden Wohlstand, den die Industrialisierung mit sich brachte. 1975 wurde dann in Lugu im Distrikt Nantou im Westen Taiwans die erste offizielle Teebewertung organisiert, in der vor allem Wulong (Oolong) Tees vom Dong Ding Berg (冻顶山) getestet, bewertet und mit Preisen ausgezeichnet wurde. Diese Wettkämpfe sind heute nicht mehr wegzudenken aus der taiwanesischen Teekultur. Da der best ausgezeichnete Tee für horrende Preise verkauft wurde, stieg bei den Teebauern anderer Regionen das Interesse an derartigen Wettkämpfen und es dauerte nicht lange, bis jeder Berg seinen eigenen Wettkampf organisierte. Doch anfangs fehlte es an Richtlinien und Konzepten, sodass viel gepfuscht und getrickst wurde. Es war an der Tagesordnung, dass Teebauern ein- und denselben Tee in unterschiedlichen Verpackungen und mit unterschiedlichen Namen einreichten, um ihre Chancen auf eine Auszeichnung zu erlangen. Natürlich dauerte es nicht lange, bis den Organisatoren dies auffiel und entsprechende Schritte eingeleitet wurden. Interessant bei dieser Entwicklung war, dass es in Taiwan an Wissen und Expertise fehlte, da die Lokalbevölkerung über so lange Zeit ihren Tee vernachlässigt hatte und nach der Niederlage der Japaner im 2. Weltkrieg die letzten ausländischen Tee- Experten das Land verlassen hatten. So kam es, dass einige Taiwanesen das Zepter in die eigenen Hände nahmen und durch Selbststudium und Experimentieren sich ein Wissen zu eigen machten, das es ihnen ermöglichte, unterschiedliche Tees genauestens zu untersuchen. Da durch die fast hermetische Verschlossenheit Chinas zur damaligen Zeit kein Zugriff auf Tee vom Festland bestand, konzentrierte man sich in Taiwan auf das, was man hatte: Wulong. Daher entstand die heute für Taiwan so charakteristische Vielfalt unterschiedlicher Wulongs, die je nach Anbaugebiet, Sorte, Produktion und Röstung sehr individuelle Charaktere haben. 1977 öffnete dann das erste, kultiviertere Teehaus in der Sen Lin Bei Road (森林北 路)in Taipei seine Pforten und legte den Grundstein für eine neue Art der Teekultur in Taiwan. Fortan legte man Wert nicht nur auf Tee, sondern auch auf Kultur, Kontext und Wissenschaft. Dies fand zu einer Zeit statt, in der Taiwan eine Art Renaissance der lokalen Kultur erlebte, in der Intellektuelle und Gelehrte taiwanesische Kultur nach dem Motte “back to the roots” neu erfanden. Dies verstärkte den Stellenwert, den Wulong Tee ohnehin schon spielte in Taiwans Teekreisen. Mit der Zeit öffneten weitere Teehäuser, wie z.B. das Wistaria Tea House, ihre Pforten und begannen, taiwanesische Teekultur zu propagieren. Viele heute berühmte und verehrte Teekenner aus Taiwan sind für diese Anfänge ind en späten 70er Jahren verantwortlich. Ihnen ist zu verdanken, dass taiwanesische Teekultur heute das ist, was sie ist: Eine selbstbewusste Kunstform mit wundervollen Nuancen und Liebe zum Detail, die das wichtigste allerdings nie aus den Augen verliert: den Tee. -Savoir-

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